HCGuthZwischenbemerkung 1: Öffentlichkeit, Wissens-Teilung und -Verwaltung

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HCGuth
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Zwischenbemerkung 1: Öffentlichkeit, Wissens-Teilung und -Verwaltung

Beitrag von HCGuth »

(Ursprünglich gepostet viewtopic.php?f=118&t=384 )

(1) Das Ende von Arbeitsteilung und "Öffentlichkeit"
Öffentlichkeit und öffentliche "Meinungsbildung" treten ergänzend zu den gewalten-geteilten Institutionen der "Willensbildung" im modernen liberalen demokratischen Rechts- und Nationalstaat hinzu, sie machen wesentlich erst mit diesen Institutionen zusammen das politische System "Demokratie" aus.
Diese "Öffentlichkeit" erweist sich unter fortgeschritten-modernen Verhältnissen als unfähig, die unübersichtliche und zauberlehrlings-artig wuchernde Fülle an Wissens- und Könnens-Inhalten bzw. -Optionen, die das Forschungs- und Techniksystem der Weltgesellschaft tagtäglich auswirft, noch irgend sachgemäss, und sei es in winzigen Bruchteilen, zu verarbeiten. Die Mega-Wissens- und Technikmaschine füttert nur noch sich selbst, und das auf chaotische Weise. Irgendwelche Befugten, oder auch einfach nur durch Verfügung über Kapital dazu Befähigten können an irgendeiner Stelle eine isolierte Entscheidung, im Sinne eines fragmentierten Plans, treffen, die wer weiss welche Konsequenzen anderswo hat - aber niemand beaufsichtigt es, niemand Betroffenes, kein "Verbraucher" ahnt es. Keinem ist mehr zu trauen: So, wie in der Sphäre der Investments und zugestandenen Zahlungsaufschübe, der Kredit- und Finanzsphäre, das allgemeine Misstrauen zum Zusammenbruch aller Verbindungen führt, so im Bereich der "öffentlichen" also eigentlich kollektiven Wissensverwertung, als Basis kollektiv, "politisch" getroffener Entscheidungen: Da ist nur eine weitere Sphäre, die sich ihrer sozialtechnologischen Regelung entzieht - eben der öffentlichen und politischen oder marktwortschaftlichen, schliesslich auhc technischen Regulierung der kollektiven Wissensverarbeitung und Bündelung von irgendwo gewussten prognostischen und technologischen Handlungsoptionen, -zwängen, -risiken zu möglichen (Versuchs)Plänen, Handlungsentwürfen, zwischen denen entschieden werden soll - im Konsens, nach Möglichkeit, zumindest einem kompromisshaften.
Das Misstrauen in der Öffentlichkeit in Resultate und ganze Abteilungen der Wissenschaft und Technologie ebenso wie der politischen Entscheidungsfindung manifestiert sich als VERSCHWÖRUNGSTHEORIE. Welchen Inhalt eine Verschwörungstheorie hat, ist zunächst mal gleichgültig, nur eins muss sie zeigen: Die Äusserungen, Absichtsbekundungen, Erklärungen, Mitteilungen, Legitimationen der mit Misstrauen in Augenschein genommenen Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion, Koordination und Konsensfindung könnten ganz anderen Zwecken dienen als den proklamierten, sie könnten vorgetäuscht sein (in milderen Fällen: sie könnten fahrlässig oder im guten Glauben zustandegebrachte Fehlurteile, Fehl-Schlüsse und -Beschlüsse sein); die theoretische Leistung der VT ist nicht, die versteckte "wahre" Absicht aufzudecken, sondern einzig, die Eindeutigkeit und Zweckhaftigkeit*), die sich aus der technischen Beschaffenheit des zu beurteilenden Handlungsentwurfs schon zu ergeben scheint - Das KANN doch nur DAFÜR dienen! das IST doch garnicht zu missbrauchen! - zu widerlegen, und damit die Hypothese, dass diese Abteilung speziell und das Gefüge der hochspezialisierten Einzelzellen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung im allgemeinen weiterhin Vertrauen verdienten.
Nein, sie verdienen kein Vertrauen mehr.
Paranoia ist rational.
Aber damit bricht das Fundament der Moderne, die Arbeits- und Wissensteilung, zusammen.
Sie ist unhaltbar geworden.

*) Zweckmässigkeit einer Technik kann von ihren Benutzern (den Verbrauchern, usern, Käufern, Konsumenten) unmittelbar durch die Nutzung überprüft werden - Tauglichkeit für den unmittelbaren Zweck. Aber diese handfesten Nutzbarkeiten, Nützlichkeiten sind umgeben von einem gigantischen Hof an zusätzlich zu wissenden Prognosen über weitere Dispositionen, Randbedingungen der Nutzbarkeit, das zugehörige Vertrauen in die einschlägigen beruhigenden (oder auch warnenden) Aussagen der Zuständigen und "Experten" wird gern bebildert am geläufigsten Experten, mit dem alle irgendwann zu tun haben, dem Auto- oder Gebrauchtwagenhändler, dessen Kompetenz noch nicht mal mit einem Staatsexamen (oder staatlich garantierten Abschluss, Prüfung usw) abgesichert ist. Das GANZE der prüfenden Staatsmacht und der dabei überwachten Wissenschaft, Techniker- und Technologen-Kompetenz ist natürlich nichts andres, es verlangt uns Vertrauen ab, wie der Händler, aber kann es auch verspielen. Und das passiert gerade, vor unsern Augen.
Und so das Vertrauen in die guten Absichten, die Gemeinwohldienlichkeit von politisch beschlossenen Regelungen und Behörden-Massnahmen.
Die Frage ist am Ende garnicht mehr so sehr, welche konsistenten Pläne und Zielsetzungen man HINTER dem allen vermuten könnte; das löst sich irgendwann auf in die Erkenntnis, dass es eine Vielzahl davon geben mag, krimneller, fahrlässiger, fehlerhaft gedachter, sorgloser usw..
Dh der Versuch, die EINE grosse Vt zu finden ("finde DEN Fehler"), die uns hilft, die Maschine zu reparieren, ist Unsinn.
Die Frage, die sich vielmehr historisch stellt, ist: Wie leben wir ohne die Megamschine weiter? was soll jetzt werden?


(2) Der Drostentest, der Medizinstudent, und wir
Das Video ist nur wieder ein Versuch in dieser Flut von Versuchen, sich einen Reim zu machen, und dabei an irgendwas Zuverlässiges zu klammern, hier vor allem die Gebrauchsanweisungen zu den Tests, in denen doch das massgebliche steht. Dass denen widersprochen wird, durch die Art des massenhaften gebrauchs, ist allen Beteiligten klar, es geht nur um Abweisung von Haftungsansprüchn, wie sie in Füllmichs Prozess-Versuch erhoben werden. Die Notlage, di egeltend gemacht wird, lautet: Die Angesteckten sind infektiös vor Symptomen, ja sogarohne alle Symptome, sie verbreiten DAS VIRUS, oh so heimtückisch ist das. Das Video liegt richtig mit der Aussage: Da wird allüberall viel zuviel Konsequenz aus viel zu wackligem Wissen ("Studien") gezogen. Würde man die Wissenschaft, teuer genug, an den aufgeworfenen Fragen weiterbosseln lassen, nie ohne die Produktins-, in unserer Produktions-Organisation heisst das: Geschäfts-Interessen, aus den Augen zu verlieren: Dann würden hundert Studien Tausende Anschluss-Studien nach sich ziehen. Das ist, was Luhmann, man möchte immer wieder meinen, sarkastisch (aber das ist es nicht bei ihm) "Kommunikation" nennt: In einem System produzieren Systemaktionen anschlussfähige Folge-Aktionen. Geld/Wirtschaftssystem, Politik, Recht usw. Nur an den Schnittstellen... da gehts irgendwie nicht weiter. Und das kriegen wir zu spüren: Wenn die Politik Wissenschaftsresultate (als "ihre Berater") auch nur auswählt, geschweige denn übernimmt (als "Beratung"), dann gehts eben nicht wissenschaftlich weiter, sondern politisch. Dann wird nicht mehr ewig diskutiert, sondern "gehandelt". dann wird der einmal eingeschlagene Kurs beibehalten... oder muss geändert werden... nach ganz andern Gesichtspunkten als, was grad der Wissens-Sachstand ist.
Und Einwände müssen unterdrückt werden. Sie stören bloss noch, und könnten das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen (darauf sind diese Institutionen tatsächlich gebaut! so ein Zusammenbruch wäre tatsächlich eine Gross-Katastrophe! s.o.) erschüttern. Die Politik weiss, was die Gesellschaft als Ganzes an ihr hat. Wie alternativlos sie ist. Ein Kollaps, eine Zerrüttung der genannten Art kann in Zeitlupe grad in den USA besichtigt werden. Oder in Syrien, Ukraine usw. FAILED STATE - das können nur Prepper für eine Chance halten...
Politische Logik ist: "Wir haben eine Strategie, Clusterverfolgng, wie in Südkorea, da gings doch, also brauchen wir auhch das Mittel dazu, das ist nun mal der Test. Da muss noch viel passieren, bis wir das aufgeben. Denn dann... haben wir GARKEINE Strategie mehr. Wir tun nichts, oder viel zu wenig? - ja was macht DAS denn für einen Eindruck? Was soll das heissen, wir können nichts machen? Wenn (das haben wir uns plausibilisieren lassen, können nicht ewig nachprüfen obs stimmt, ist jetzt mal so akzeptiert, basta) Hunderttausende Tote in D drohen, müsssen wir doch WAS TUN können. Wir, eine der fortgeschrittensten Industrienationen. Da lassen wir uns doch nicht von den Chinesen abhängen, Standortkonkurrenz..." uswusw
Wissenschaftlich ist das schwachsinnig, bloss ist das nicht Wissenschaft. Politisch macht es durchaus Sinn.
Aber alles zusammen ist eine notdürftig zusammengenagelte Bretterbude, in einem Slum, der das nächste Unwetter kaum nochmal übersteht.

PS: Wer den Zustand der "Öffentlichkeit" besichtigen will, kann das vielleicht durch einen Blick ins aktuelle Forum zum letzten telepolis-Artikel tun (es ist letztlich egal, welchen man nimmt, die Debatten laufen weitgehend unabhängig von den Artikeln, die Artikel sind eigentlich ihrerseite nur verlängerte Beiträge zur Forumsdebatte und werden von den meisten auch so gelesen...): https://www.heise.de/forum/Telepolis/Ko ... um-461013/


(3) Eine Chimäre namens "die Öffentlichkeit"
Die Öffentlichkeit ist ja auch nur so ein System.
(Wer damals schon mitgelesen hat, wird sich erinnern, dass ich die Überwindung oder besser Überbietung dieser Kastegorie im alten aufstehen-forum für die zentrale Aufgabe einer, naja, "progressiven", oder eigentlich JEDER aktuellen Bemühung um Lösung von aktuellen Vergesellschaftungs-Problemen erklärt habe; mit "Vergesellschaftung" ("Kollektivierung") ist hier nicht Verstaatlichung von Wirtschaftsunternehmen gemeint, sondern die Aneignung von Planungs- und Entscheidungs-Findungselementen, hier vor allem Einschätzungen, Sachverhaltsbeurteilungen, durch "die (Zivil)Gesellschaft". Meine Formel dafür lautete: Die Zivilgesellschaft muss kollektive Lernfähigkeit ausbilden. Wir sehen derzeit die Konsequenzen des Fehlens dieser Fähigkeit...)

"Systeme" sind gebaut rund um einen Aspekt von "gesellschaftlicher" Handlungsfähigkeit; womit "die Gesellschaft" nicht fertig wird, ist das Zusammenführen der Systemleistungen; darum weil an den Schnittstellen das, was man im Gegensatz zu Luhmann sonst Kommunikation nennt, nicht mehr funktioniert - die Zusammenführung des Wissens um die Möglichkeiten und Inhalte, die die Systeme ("die Experten") erarbeiten, ist nicht mehr möglich. Darum erscheint die Politik so grobschlächtig in ihrer Verlegenheit, sich ein Bild der Lage zu machen - anders als wir, die nur Meinungen bilden, muss sie ja auch noch ihrer Systemaufgabe gerecht werden, da bleibt fürs Urteilen nicht mehr viel Platz. Dass sie Resultate anderer Kultur- und Produktionsdomänen ihrer Eigenlogik (der der Verwaltung und des Rechts) unterwirft, ist noch das geringste. Sie kann das Wissen einfach nicht mehr verarbeiten, das vom in unzählige Unterdisziplinen und Gesichtspunkte (die alle berücksichitgt werden sollten) zersplitterten System der medizinischen und Gesundheitswissenschaften bereitgehalten wird - einem System also, das sich mit seinem immer unzulänglichen "Stand" auf seine Weise weiterbeschäftigt: "unsere Studie klingt interessant (dh das Geld dafür war nicht rausgeworfen), aber noch sind unzählige weitere Forschungen notwendig, um herauszufinden ob/wie/warum... (wer finanzierts?9" - so endet das jedesmal, und in fast allen Fällen will man nix genaues gewusst haben, spätestens, wenn die Politik aus zweifelnd-erwägenden Studienresultaten handfeste Handlungsanweisungen macht. Die sie nun mal braucht...

Und da ist es nun so, dass auch die Öffentlichkeit sicht NICHT als der All-überschauende, All-integrierende quasigöttliche Super-Kommunkationsapparat erweist, den "die Gesellschaft" für sachgerechte Koordination im Konsens ihrer grotesk aufgeteilten Aufgaben-, Handlungs-, Wissens- und Problembestände eigentlich benötigen würde.
Die Öffentlichkeit ist eigentlich nur ein Untersystem des Systems Politik. Und als solches entgleist sie zunehmend.
Die alternative, oppositionelle Meinungsbildung schafft es nämlich schon lange nicht mehr, sich auf die Höhe der Anforderungen dieses Systems, des sachgerechten und zugleich gemeinwohldienlichen Einsatzes der Staatsgewalt in Form von Regierung, Parlament und Justiz hochzuarbeiten; an den anzutreffenden Systemleistungen werden allenthalben Mängel konstatiert, sie werden beklagt, aber über diese Nörgelei kommen die öffentlichen Meinungsbildner nicht mehr hinaus. Es gibt keine Alternativen, kein, zur NOt, alternatives Staatsprogramm; nicht weil die Opposition zu faul und dumm ist, sondern weil derartiges weit ab jeder historischen Nah-Erreichbarkeit liegt. So ist das nun mal bei Epochenübergängen. Und an einem solchen stehen wir; das ist bekanntlich meine These.

Die kollektive Lernfähigkeit wenigstens in einem Teil der (Welt)Bevölkerung herzustellen, ist die nächst-zu-lösende historische Aufgabe. Ohne das kommen wir nicht weiter. Aber wie wir dahin kommen... bedarf noch vieler und langer Überlegungen. (Oh - woran erinnert mich dieser Satz nur...? :D)

(4) Wissensverwaltung als Problem
Das Corona-Problem, so wie ich es sehe, ist eines, das die Gesellschaft mit ihrer Wissenschaft hat, und insofern Wissenschaft eben auch ein gesellschaftlich-arbeitsteilig betriebenes Unternehmen ist (Teil der gesamten gesellschaftlichen Tätigkeit), ein Problem der Wissenschaft mit sich selbst.
Das Problem zeigt sich überall, wo Überprüfung von Forschungsresultaten nicht mehr einfach dadurch möglich ist, dass darauf beruhende Techniken zuverlässig zweckdienlich funktionieren (und auf die weise die zugrundeliegende Wissenschaft "überprüft" wird), sondern wo stattdessen das ermittelte Wissen nur noch Prognosen zulässt, deren Geltung vollständig von ihrer Begründung abhängt.
Es gibt derzeit kaum noch ein politisch kontroverses Thema, das nicht mit solchen Prognosen (Prognosen, was geschehen wird, wenn wir nichts tun, oder weiter handeln wie bisher) zusammenhängt. Die Corona-Episode enthüllt einmal mehr die Hilflosigkeit "der Gesellschaft", über solche Prognosen Konsens herzustellen: Sie hat kein Format dafür.
Das ist nun eine historische, eine epochale Grenze im Herstellen der "Gesellschaftlichkeit" von Wissen.
Aber es zeigt sich eine noch ganz andre Grenze - die beim Zusammenführen von irgendwo erarbeiteten Wissen selbst. Es ist eigentlich garkein richtiges Wissen mehr. Virologie für sich genommen ist praktisch kaum verwertbar; erst durch wüste, gewaltsame Übergriffe in ganz andere Wissensbereiche haben Virologen sich eine Deutungshoheit verschafft: Ohne wirklichen Rückgriff auf klinische Daten (was findet ihr Test wo in der Schleimhaut?) und ohne Berücksichtigung immunologischen Wissens (nur Antikörper sind beweisend für durchgemachte Infektion?) erschaffen sie Krankheitseinheiten, lassen mit den so ermittelten "Daten" und höchst fragwürdigen weiteren Voraussetzungen Modelle rechnen (möglichst von Physikern, die die Mathematik beherrschen, aber nichts von Immunologie und Klinik verstehen), und kreieren dann auch noch mit ihren Mitteln Therapien (Impfung) - alles aus einer Hand, das aber um den Preis einer Gewaltsamkeit gegen den (physiologischen) Stoff, die nur Fach-fremden, Technik-affinen Betrachtern nicht auffällt, die stattdessen das robust-technologisch Vereinfachte der Konstruktion schätzen, die Hervorhebung des aus ihrer Sicht Wesentlichen (DAS VIRUS, DIE MASSNAHMEN, DIE IMPFUNG), bei Vernachlässigung der Luftwiderstände gewissermassen (von zB etwas so Windigem wie "immunsystem"), weil es ihrem Theoriestil und Erkenntnisziel (Verfügung, Kontrolle) zu entsprechen scheint. Die andern Fachvertreter, deren Inhalte übergangen wurden, hüllen sich hingegen in Schweigen; sofern sie öffentlich in Erscheinung treten, ist ihr Erscheinungsbild ein jämmerliches: Den Gewissheiten, die sich die Öffentlichkeit anhand der Virologen-Forschheit erarbeitet hat, haben diese Zweifler scheinbar nur haltlose Nörgeleien und trübe Alternativ-Möglichkeiten entgegenzusetzen. Eine Unendlichkeit an Forschung (die grundsätzlich nicht erschwinglich ist) wäre notwendig, um diese Kontroversen auszutragen. Alle Vergleiche mit Grippewellen der Vergangenheit hinken natürlich, wel niemand diese Wellen mit gleicher Akribie erforscht hat wie die "Pandemie". Genauer, ist dieses Unterlassen von Forschung auch der Einsicht geschuldet, über gewisse Globalparameter wie Übersterblichkeit und stichproben-artige Verlaufsbeobachtung hinaus kene seriösen Aussagen machen zu können: Der Begriff "infiziert" ist bei infektiösen Atemwegserkrankungen nun mal nicht definierbar, nicht so wie bei Ebola, wo infiziert gleichbedeutend ist mit todkrank. Und entsprechend lässt sich auf seriöse Weise auch kein Begriff einer Infizierten-Sterblichkeit oder einer Dunkelziffer bilden. Aber all das massen sich nun Virologen an zu wissen; kein Epidemiologe hat die Untersuchung in Gangelt angeleitet, sondern der Laborwissenschaftler Streeck mit seinen Tests (die Eindeutigkeit suggerieren: Infiziert - ja/nein; immun? - ja/nein).
Die Bhakdis und Wodargs sehen darum so erbärmlich aus, weil ihre Wissenschaften (Immunologie, klinische Medizin, in dem Fall Pneumologe, Infektiologie usw) die Schlankheitt und Schnittigkeit nicht aufweist, die das Virologen-Paradigma auszeichnet. Aber der Erfolg der verkaufstüchtigen, weil biotechnologisch-verwertbare Erkenntnisse anbietenden Virologen, und der Misserfolg aller andern, betrifft ja nur ihre Stellung im Markt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die eigentliche Tragödie wird da garnicht bemerkt: Die Wissenschaftler reden am ehesten noch via öffentliche Auftritte miteinander, reagieren aufeinander; qua Wissenschaft tun sie es jedenfalls nicht. Nirgendwo ist das Format zu sehen, in dem die Resultate der einen mit denen anderer Fachrichtungen abgestimmt werden. Da könnte man leicht zwei, drei Interdisziplinariäts-Wissenschafts-Ebenen über die existierende legen, mit nochmal soviel Personal und Ausbildungsinstanzen und Forschungsetats, und käme nicht so bald an ein Ende.
So wie man zum Zweck der Überprüfung, Zusammenführung und Planung der Forschung auch nur eines Fachs gleich zwei, drei weitere solche Garnituren an Fach-Abteilungen einrichten könnte - tatsächlich werden die betreffenden Aufgaben von den Fachvertretern im Nebenberuf, in ihrer Freizeit erledigt.
Was immer diese Wissenschaft jenseits ihrer technologischen Kernkompetenz noch erarbeitet - WISSEN ist es nicht. Und das gilt eben in ihrem Umgang mit allem Lebendigen, vor allem da, wo sie versucht, den Anschein technischer Verwertbarkeit zu erzeugen. Es gelingt ihr gerade mal da, wo die BioCHEMIE Fetzen von Biomolekülen in ihren Laboren auffängt und deren CHEMISCHE Eigenschaften analysiert. Ein Agrarwissenschafts-Student bekommt daher in einem Lehrbuch über "Pflanzenernährung" in zig Kapiteln beigebracht, welches Enzym welchen Stoffwechselschritt katalysiert, und mit welchen Spurenelementen es zusammenarbeitet - die müssen daher in den Boden. Der Weg von auf dem Feld eingebrachten Dünger zum Enzym irgendwo in einem Blatt ist weniger klar. Der ist im Labor auch nicht so gut darstellbar. Was das Mikrobiom in Säugetier-Därmen mit zugeführter Nahrung anstellt, ist vollends unerforschbar. Grade mal, dass man die beteiligten Bakterienarten bestimmen, oder eher: zählen kann, wenn es gut läuft. In einem Einzelfall. (Die Wissenschaft verkämpft sich auch noch an anden Fronten, am unendlich Fernen, Kleinen, Geophysikalisch- und Technisch-Komplexen... an denen sie ähnlich heroisch ihr technologisches Kontrollmotiv geltend zu machen versucht. An all diesen Horizonten gilt: Das leicht Erforschbare ist bekannt; was nun ansteht, erfordert um Grössenordnungen höhereb Aufwand. Diese, die wirkliche Grenze der modernen Wissenschaft, ist hier freilichnicht mein Thema - hier gehts mir nur um den ausbleibenden Dialog, die fehlende Organisation innerhalb der noch möglichen Wissenschaft...)

Aber was weiss die Gesellschaft - die Politik; die Öffentlichkeit; die Medien; das Publikum - schon von ihrer Wissenschaft? Was weiss denn der Einzel-Wissenschaftler von dem, was die Kollegen im anderen Fach so treiben - wieviel bekommt er auch nur von den Vertretern des eigenen Fachs mit?
Nun ja. Die Gesellschaft weiss ja auch sonst kaum etwas von sich...
Hans Christoph Guth

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