Arbeit und WirtschaftHelge Buttkereit: Am Kern des Problems vorbei

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willi uebelherr
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Helge Buttkereit: Am Kern des Problems vorbei

Beitrag von willi uebelherr »

Am Kern des Problems vorbei
Helge Buttkereit, 22.02.2012
https://amerika21.de/analyse/247760/lin ... sen-kritik

Liebe freunde, lieber Helge,

die kritische Anmerkung, die aus dem Titel fuer die Autoren der beiden Buecher gedacht ist, kann ich auch dir, Helge, direkt zurueck geben, ohne jetzt die Buchautoren verteidigen zu muessen. So wenig, wie die Autoren die wirkliche Problematik von Latein Amerika verstehen und immer im Kreis herum rennen, so wenig hast auch du, lieber Helge, die wirkliche Problematik dort verstanden.

Es ist eigentlich ein ganz altes Problem seit tausenden von Jahren im europaeischen Umfeld. Der Kampf der parasitaeren Eliten gegen den Selbstbestimmungswillen der Bevoelkerung. Und so, wie wir es in Westeuropa durch die Privatisierung gemeinschaftlicher Ressourcen wie Land, Wasser und Wissen zum Zwecke der Zerstoerung der Faehigkeit zur Selbstversorgung seit dem 12. Jahrhundert sehen, so sehen wir es in Latein Amerika seit 500 Jahren der Anwesenheit der Europaeer in Latein Amerika. Und Helge, als eine Person, die im christlichen Umfeld taetig ist, solltest du diesen Zusammenhang sehr gut verstehen, weil insbesondere die christlichen Apparate alle daran beteiligt waren.

Nur, diese Betrachtung nuetzt uns nichts, weil dieses Wissen uns nicht in die Lage versetzt, die Oekonomie selbst zu organisieren. Dieses zentral notwendige Verstaendnis erhalten wir nur aus der aktuellen Situation vor Ort und in der jeweiligen Region.

Das Problem in Latein Amerika ist hier, dass es keine kontinuierliche Tradition der Entwicklung der lokalen technischen Infrastrukturen seit dem Bruch mit der indigenen Geschichte mehr gibt. Hugo Chavez sah das als einzige Person im Kreise der sogenannten "linken" Staatsfuehrer. Aber mit seinem Versuch, eine stablie Oekonomie auf der Basis der lokalen und regionalen Kooperativen seit 2005 aufzubauen, ist er notwendig klaeglich gescheitert, weil auch er selbst keine Ahnung davon hatte, was dafuer zwingende Vorraussetzung ist. So ist verstaendlich, dass sich die Kooperativen zu subventionierten Markteilnehmern machten, ohne eine Basis entstehen zu lassen.

Und Venezuela ist die einzige Region der ALBA-Regionen, wo die kommunale Orientierung sich ausbilden konnte. Alle anderen sind und waren auf streng zentralisierte Staatskonstuktionen ausgerichtet. Das koennte sich jetzt in Bolivien wieder aendern.

Es gibt etwas wichtiges, was alle akademischen Beobachter realer gesellschaftlicher Verhaeltnisse trifft: Sie verstehen nicht, dass der eigentliche gesellschaftliche Transformationsraum immer die Oekonomie ist, der oekonomische Unterbau, und der politische Ueberbau immer von ihm getragen und gepraegt wird. Nie umgekehrt. Politische Unabhaengigkeit und damit der Gestaltungsraum fuer unsere gewollten Lebensweisen erhalten wir nur auf der Basis oekonomischer Unabhaengigkeit. Und daraus koennen wir uns dann einen politischen Ueberbau schaffen, der unseren Vorstellungen entspricht, wenn wir meinen, wir brauchen so etwas. Weil notwendig ist er nicht.

Das zweite wichtige Element ist die radikale Dezentralisierung mit den Gemeinden als die konstituierenden Elemente einer Gesellschaft. So liegt nahe, dass die 3 Punkte von Hugo Chavez absolut korrekt formuliert sind:
Unabhaengigkeit (Independencia o Nada), die Volksmacht (Poder Popular o Nada) und Communes (Comunas o Nada). Das waren seine 3 Grundelemnte.

Das Problem dabei: Diese Unabhaengigkeit, oft politisch gedacht, kann nur durch oekonomische Unabhaengigkeit entstehen. Und Comunas, also Communes, sind lokale Lebensgemeinschaften mit ihrer eigenen lokalen Oekonomie und das war auch fuer die VenezuelanerInnen ein grosses Verstaendnisproblem.

Die ganze Bewegung der Comunas in Venezuela ist an diesem Grundverstaendnis gescheitert und auch heute sehen wir, wie schwer sie sich immer noch tun. Tief im Denken der VenezuelanerInnen ist der Staatsmoloch fest verankert und wirkt immer noch. Gut, das trifft die Region Deutschland genauso, wie wir es mit dem Corona-Wahn-Theater wieder sehen koennen.

Aber, koennen schreibende Personen, die nie in ihrem Leben konstruktiv taetig waren, um teilzunehmen an dem Versuch einer Stabilitaet der materiellen Lebensgrundlagen fuer Alle, hilfreich sein? Ich denke nicht. Anlesen koennen wir uns das nicht.

mit lieben gruessen, willi
Asuncion, Paraguay

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